Privatkundenbanken stehen trotz starker Zahlen unter Zugzwang Die europäischen Privatkundenbanken legen auch 2025 zu und steigern ihr Betriebsergebnis um 6 % Der derzeitige Rückenwind dürfte angesichts einer kurz- bis mittelfristigen Abnahme zinsgetriebener Ertragseffekte und geopolitischer Unsicherheit schon bald abflauen Gleichzeitig stehen etablierte Privatkundenbanken in Europa unter Druck, da Challenger-Banken zunehmend den Erstkontakt mit Neukund:innen gewinnen Agentic AI wird für die Branche zur Schlüsselfrage, denn wer den „Financial Agent“ bereitstellt, profitiert künftig bei der Margenverteilung Privatkundenbanken müssen ihr Ertragspolster nutzen, um ihre Geschäftsmodelle mithilfe nachhaltiger Gebührenmodelle und der Skalierung von KI-Lösungen grundlegend umzubauen Wien, 6. Juli 2026. Die europäischen Privatkundenbanken haben 2025 ein weiteres starkes Jahr verzeichnet, stehen aber zugleich vor einem tiefgreifenden Umbruch. Das zeigt der aktuelle „Retail Banking Monitor 2026“ von Strategy&, der globalen Strategieberatung von PwC. Demnach stiegen die Einlagen der Institute um 4 %, das Kreditvolumen und die Gesamterträge legten um 3 % zu und das Betriebsergebnis zog um 6 % an. Gleichzeitig erhöhten sich die Kosten um 1 %. Haupttreiber des Wachstums bleiben satte Zinsüberschüsse, die den Banken bereits in den Vorjahren deutlichen Rückenwind verliehen hatten. So sind die Erträge pro Kund:in seit 2021 um 27 % gestiegen, gleichzeitig legten allerdings auch die Kosten um 6 % zu. Das derzeitige makroökonomische Umfeld sorgt also weiterhin für strahlende Bilanzen, verstellt jedoch den Blick auf strukturelle Risiken sowie eine mögliche Trendumkehr. Angesichts einer zu erwartenden Abnahme zinsgetriebener Ertragseffekte sowie geopolitischer Unsicherheit nimmt die Wahrscheinlichkeit für ein solches Szenario mittelfristig zu. Erste Risse im Kreditgeschäft Im Kreditgeschäft zeichnen sich bereits jetzt Risse ab. Zwar liegt die Ausfallquote europäischer Haushalte, also der Anteil der Kredite, die nicht mehr bedient werden können, weiterhin bei moderaten 2,1 % und auch bei Hypotheken bleibt die Quote mit rund 1,3 % stabil, Probleme in der Kreditqualität zeigen sich allerdings häufig erst mit Verzögerung. Die tatsächlichen Belastungen durch Kreditausfälle könnten somit höher ausfallen, als es die aktuellen Zahlen nahelegen. Besonders brisant wird das, wenn steigende Kreditausfälle und nachlassende Zinserträge gleichzeitig eintreten. Banken, die ihre starken Jahre nicht genutzt haben, um ausreichende Puffer aufzubauen und ihre Kostenstruktur zu senken, gerieten in diesem Worst-Case-Szenario von beiden Seiten unter Druck. Während solche makroökonomischen Risiken die gesamte Branche betreffen, erhöht sich außerdem der Wettbewerbsdruck innerhalb der Branche durch Challenger-Banken und neue Technologien wie Künstliche Intelligenz. „Die guten Ergebnisse der vergangenen Jahre sollten die europäischen Privatkundenbanken nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich ihr Wettbewerbsumfeld gerade grundlegend ändert. Der Ertrag österreichischer Retailbanken ist im vergangenen Jahr 2025 bereits leicht um 2 % zurückgegangen. Gleichzeitig gewinnen Neobanken und Challenger-Banken zunehmend an Marktanteilen, und zwar längst nicht mehr nur bei den Jungen, sondern über alle Altersgruppen hinweg“, sagt Hendrik Bremer, Senior Executive Advisor bei Strategy& Österreich. „Die größte strategische Verschiebung beobachten wir allerdings im Bereich Agentic AI. Autonome KI-Agenten, die im Auftrag der Kund:innen Finanzentscheidungen treffen, werden in Zukunft zum Alltag gehören. Gleichzeitig greift die neue Technologie viele stabile Margenquellen der etablierten Banken unmittelbar an und wirft die Frage auf, ob Kund:innen ihren ‚Financial Agent‘ lieber von einer Bank oder einer Technologieplattform bereitgestellt bekommen möchten.“ Optimale Bedingungen für notwendige Transformation Trotz des Wissens um die fundamentalen technologischen Verschiebungen und Herausforderungen innerhalb ihrer Branche, schieben die europäischen Privatkundenbanken notwendige Transformationsprojekte in sehr unterschiedlichem Tempo an. Zwar steigerten die Institute ihre Gebühren- und Provisionserträge im Jahr 2025 im Durchschnitt mit einem Plus von 5 % deutlich stärker als ihre Zinserträge (+3 %). Der Ländervergleich zeigt jedoch, dass der Umbau der Ertragsmodelle in Europa unterschiedlich schnell voranschreitet. Während Privatkundenbanken in Frankreich und Großbritannien mit einem Zinsüberschuss-Plus von rund 14 % beziehungsweise 12 % weiterhin vor allem zinsgetrieben wuchsen, erzielten die Banken in nordischen Ländern sowie in Belgien und Polen bei Gebühren- und Provisionserträgen bereits ein Wachstum von rund 10 %. In Österreich sind die zinsgetriebenen Erträge bereits heute rückläufig (-6 %), während Gebühren- und Provisionserträge 2025 um 6 % gewachsen sind. „Transformation gelingt am besten, wenn man sie sich leisten kann – und genau das ist für die europäischen Privatkundenbanken jetzt der Fall. Die aktuellen Erträge geben ihnen den Spielraum, ihr Geschäftsmodell umzubauen und ihre Einnahmen auf ein breiteres Fundament zu stellen, etwa über Mobile Brokerage, abonnementbasierte Kontomodelle oder Bancassurance, also den Vertrieb von Versicherungen an natürlichen Kontaktpunkten wie der Kontoeröffnung oder dem Hypothekenabschluss“, sagt Dr. Lisa Schöler, Co-Studienautorin und Director bei Strategy& Deutschland. „Gleichzeitig müssen Banken KI endlich aus der Pilotphase holen und so skalieren, dass sie im Tagesgeschäft breit nutzbar wird. Das verschafft ihnen auch die nötige Erfahrung und den nötigen Freiraum, um kundenzentrierte ‚Financial Agents‘ zu entwickeln, die im Wettbewerb gegen Technologiekonzerne bestehen können. Wer jetzt handelt, kann die nächste Konsolidierungsphase aus einer Position der Stärke gestalten, statt selbst unter Druck zu geraten.“ Die vollständigen Ergebnisse des „Retail Banking Monitor 2026” erhalten Sie auf Anfrage oder unter: https://www.strategyand.pwc.com/de/en/industries/financial-services/retail-banking-monitor.html