Presseinformation vom 08.06.2026
Wien, Juni 2026. Was kostet uns unser Ernährungssystem wirklich? Mehr als gedacht – aber weniger als nötig, wenn wir es klüger gestalten. Ein einjähriger, österreichweiter Analyseprozess zeigt: Die Umstellung auf ein nachhaltiges Ernährungssystem spart den Steuerzahler:innen und der Allgemeinheit Milliarden, ohne dass Lebensmittel teurer werden. Prof. Dr. Sigrid Stagl (WU Wien) und Barbara Holzer (Zukunft:Essen) legen gemeinsam mit über hundert führenden Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Landwirtschaft, Verwaltung und öffentlicher Beschaffung die Ergebnisse vor. Ihre zentrale Botschaft: Nachhaltigkeit ist kein Luxus, sie ist das wirksamste Sparprogramm, das Österreich zur Verfügung steht, und die Voraussetzung für Versorgungssicherheit und Krisenresilienz. Die Zeit drängt: Mit den laufenden Anpassungen der nationalen GAP-Umsetzung entscheidet sich, ob Österreich dieses Potenzial nutzt. „Das Geld liegt auf dem Tisch. Die Frage ist, ob wir es im Rahmen der Agrarpolitik jetzt endlich heben oder weiterhin ein System finanzieren, das hohe Folgekosten produziert", so die Ökonomin Sigrid Stagl, WU Wien.
Wo Österreich Milliarden einsparen kann, ohne dass Essen teurer wird
Die zentrale Botschaft der Analyse ist keine Warnung, sie ist ein konkretes Angebot. Das österreichische Ernährungssystem verursacht jährlich externe Kosten in Höhe von 5 bis 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Wasseraufbereitung, Bodenverlust, Klimaschäden und Gesundheitsbelastungen. Ab 2027 kommen dazu noch Klimastrafzahlungen dazu. Ein erheblicher Teil davon ist vermeidbar. Die Einsparungen entstehen nicht auf dem Teller, sondern in diesen nachgelagerten Kosten, die heute still und unsichtbar von der Allgemeinheit getragen werden.
Der erste und unmittelbarste Hebel liegt in der öffentlichen Beschaffung: Der Staat finanziert Lebensmittel in Schulen, Spitälern, Kasernen und Kantinen mit Steuergeld, häufig entgegen seinen eigenen Ernährungsempfehlungen. Eine Umstellung auf eine regional-saisonale und biologische Beschaffung senkt Folgekosten sofort, setzt Nachfragesignale für die gesamte Wertschöpfungskette und kostet per Saldo weniger als das bestehende System. Dazu kommt: Ein Drittel aller erzeugten Lebensmittel landet im Abfall, die konsequente Reduktion dieser Verluste entlastet Produktion, Infrastruktur und Budget auf allen Ebenen. Je unabhängiger das System von fossilen Betriebsmitteln, importierten Futtermitteln und volatilen Weltmärkten wird, desto stabiler und günstiger wird es. 67 verschiedene Pestizide, alle aus nicht-biologischer Landwirtschaft, belasten nachweislich Österreichs Atemluft, daraus entstehen Pestizidfolgekosten, die durch eine Umstellung auf nachhaltige Praktiken direkt sinken würden. Für die Tierwohl und Vermeidung von Antibiotikaresistenzen bietet Österreichs Dauergrünland, mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Fläche, die derzeit zu wenig genutzt wird, einen wichtigen Hebel.
Die steigende CO₂-Preise treffen das Budget mit voller Wucht, jeder Euro, der heute in Prävention fließt, spart morgen ein Vielfaches an Reparatur- und Kompensationskosten. Die Finanzierung dieser Transformation braucht keine neuen Steuern. Sie basiert auf der Umschichtung bestehender Mittel, der Zweckbindung eingesparter Folgekosten und der wirkungsorientierten Neuausrichtung von Förderlogiken. Nach einem initialen Investitionsschritt wird das System selbsttragend: Sinkende Folgekosten schaffen den finanziellen Spielraum für soziale Ausgleichsmaßnahmen und die weitere Transformation.
Ein Paradigma, das überfällig ist
Das alte Credo „mehr pro Hektar" hat ausgedient. Es führt zu Überproduktion, Verschwendung und ineffizienter Flächennutzung und zu einem System, das seine wahren Kosten verschleiert statt reduziert. „Solange diese Kosten unsichtbar bleiben, erscheint das Festhalten an ineffizienten Strukturen günstiger als der Wandel. Kostenwahrheit dreht dieses Bild um: Nachhaltige Landwirtschaft ist nicht das teurere Modell, das ist das einzig rationale.“ bringt es Barbara Holzer bringt es auf den Punkt, „Zwei Drittel unserer Flächen für Futtermittel, ein Drittel der Lebensmittel im Abfall und die Folgekosten einer Landwirtschaft, die sich nicht an planetare Grenzen hält, tauchen in keiner Budgetrechnung auf.“
Sigrid Stagl ergänzt: „Jeder Euro, der heute in echte Nachhaltigkeit investiert wird, spart morgen ein Vielfaches. Es geht um die langfristige Stabilität dieses Landes und darum, wer am Ende die Rechnung zahlt. Kostenwahrheit ist der zentrale Hebel. Wenn wir die realen Kosten transparent machen, wird klar, dass nachhaltige Landwirtschaft langfristig günstiger ist. Wir brauchen wissenschaftliche Unabhängigkeit, um politische Blockaden zu überwinden und rationale Entscheidungen zu ermöglichen.“
Hintergrund: Ein Jahr Analyse, über hundert Stimmen
In einem einjährigen Prozess analysierten Expertinnen und Experten aus Ökonomie, Ökologie, Landwirtschaft, Gesundheit und öffentlicher Beschaffung die Folgekosten des aktuellen Systems und machten Einsparungspotenziale sichtbar. Die Schlussfolgerungen, die sich daraus ergeben, sind nicht nur akademischer Natur, sie werden von führenden Stimmen aus Wissenschaft und Praxis gleichermaßen geteilt. Marianne Penker (BOKU) bringt es auf den Punkt: „Lebensmittel unterscheiden sich grundlegend von Industrieprodukten: Sie sind nicht nur eine Ware. Sie sind – wie ihr Name schon sagt – lebenswichtig. Sie sind aber auch Genuss, kulinarisches Erbe, Lebensgrundlage von vielen Familienbetrieben sowie unser engster Bezug zu Natur, Tier und Kulturlandschaft. Die Transformation der Food-Systeme ist somit eine Einladung, über eine breit getragene Ernährungsstrategie gemeinsam eine widerstandsfähige, faire und lebenswerte Zukunft zu gestalten. Dabei kann die öffentliche Beschaffung einen ganz zentralen Hebel darstellen." Gerhard Zoubek (Adamah Biohof) stellt klar, dass Agrarpolitik ohne Folgekostenberechnung blind bleibt: „Nicht Bio ist teuer, teuer ist das Ausblenden der Folgekosten.“ Manfred Huber (Sonnberg Biofleisch) unterstreicht, dass Österreichs Stärke im Dauergrünland und in der Weidehaltung liegt und nicht in stallgebundenen Haltungsformen. Der Prozess fand im Rahmen der AWS Sustainable Food Systems Initiative statt und die administrative Abwicklung erfolgte über den Fördernehmer Enkeltaugliches Österreich.
Die Forderung: Ein unabhängiges Kompetenzzentrum
Die Ergebnisse münden in einem offenen Brief mit einer klaren politischen Forderung, erklärt Barbara Holzer: „Österreich braucht ein parteiunabhängiges und interdisziplinäres Kompetenzzentrum für Sustainable Food Systems an der Wirtschaftsuniversität Wien. Dessen Aufgaben sollen die Berechnung der realen Folgekosten des Ernährungssystems umfassen, ebenso wie die Sichtbarmachung volkswirtschaftlicher Einsparungspotenziale, die Entwicklung von Governance-Modellen zur Stärkung von Versorgungssicherheit und Krisenresilienz sowie die unabhängige Beratung von Politik und Verwaltung. Darüber hinaus sollen Living Labs für praxistaugliche Transformationspfade etabliert werden.“
Hinter dieser Forderung steht eine Vision für die Zukunft: Einsparungen, die durch den Abbau von Folgekosten entstehen, fließen zweckgebunden in soziale Ausgleichsmaßnahmen und in die weitere Transformation und Entlastung des Systems. Sigrid Stagl fasst zusammen: „Kostenwahrheit schafft Fairness, Effizienz und Stabilität. Österreich kann Vorreiter werden – wenn wir jetzt handeln.“ Barbara Holzer schließt: „Wir können entweder in Klimastrafzahlungen investieren oder in die Zukunft unserer Kinder. Die Wahl sollte klar sein.“ Der offene Brief wird ab Juni zur Unterschrift auflegen und im September an die politischen Entscheidungsträger übergeben werden.
Über die Studie
Das vorliegende Ergebnispapier ist das Resultat eines einjährigen, österreichweiten Analyseprozesses, der im Rahmen der AWS Sustainable Food Systems Initiative durchgeführt. Geleitet wurde der Prozess von Prof. Dr. Sigrid Stagl (Ecological Economics, WU Wien) und Barbara Holzer (Zukunft:Essen). Die administrative Abwicklung erfolgte durch den Verein zur Förderung einer enkeltauglichen Lebensweise in Österreich.
Grundlage waren interdisziplinäre Multi-Akteurinnen-Events, darunter ein zweitägiges internationales Expertinnen-Treffen auf Schloss Luberegg, sowie Einzelinterviews, eine umfassende Meta-Analyse europäischer Studien und ein strukturierter Konsensbildungsprozess.
Die Ergebnisse gliedern sich in fünf Themenbereiche: Systemgrenzen und Folgekosten, Governance, Risiken und benachteiligte Stakeholder, Finanzierung der Transformation sowie Kommunikation und Wissenstransfer. Methodisch stützt sich die Arbeit auf True Cost Accounting, Lebenszyklusanalysen, das MRIO-System der WU Wien (FABIO) sowie Kosten-Nutzen-Analysen und systemische Modellierungsansätze.
An dem Prozess beteiligten sich über hundert Expertinnen und Experten aus Ökonomie, Ökologie, Landwirtschaft, Gesundheit, Recht, öffentlicher Beschaffung und Politik aus Österreich sowie aus Deutschland, Dänemark und den Niederlanden.
Das vollständige Ergebnispapier sowie alle Präsentationen, Studien und Quellenangaben sind verfügbar unter: https://zukunft-essen.at/presse/