Presseinformation vom 10.02.2026
Harald Dutzler
PwC Strategy& (Austria) GmbH
Studienautor und Partner bei Strategy& Österreich
- Gesündere Ernährung, neue Einkaufsgewohnheiten und Klimadruck beschleunigen die Transformation der Lebensmittelbranche
- Bis 2035 erreichen innovative Wachstumsfelder im Food-Ökosystem ein jährliches Volumen von 3,1 Bio. US-Dollar, auf Österreich entfallen dabei rund 9,3 Mrd. US-Dollar
- 90% dieses Wachstums entstehen durch strukturelle Verschiebungen – nicht durch zusätzliche Nachfrage
- Der Großteil der Wachstumsdynamik findet dort statt, wo Verbraucher:innen kaufen und konsumieren – im Handel, in der Gastronomie und in neuen Convenience-Formaten
- Gleichzeitig sind Klima-, Kosten- und Anpassungsrisiken zunehmend in der Landwirtschaft und Produktion konzentriert
- Wer im neuen Food-Ökosystem bestehen will, muss Allianzen schmieden und konsequent in Technologie investieren
Wien, 10. Febraur 2026. Die globale Lebensmittelwirtschaft befindet sich in einer der tiefgreifendsten Umbruchsphasen ihrer Geschichte. Bis 2035 entsteht durch grundlegende Veränderungen im Konsum, Anbau und Verkauf von Lebensmitteln ein Marktvolumen von etwa 3,1 Bio. US-Dollar in innovativen Wachstumsfeldern, die 4-mal schneller wachsen als die Branche insgesamt. Das zeigt die aktuelle Studie „Future of Food 2.0“ von Strategy&, der globalen Strategieberatung von PwC.
Überträgt man dieses globale Wachstum indikativ auf die österreichische Marktgröße, ergeben sich hierzulande Wachstumschancen von bis zu 9,3 Milliarden US-Dollar. Getrieben wird die Transformation insbesondere durch drei Tiefenströmungen: den derzeitigen Gesundheitsboom, das Bedürfnis vieler Kund:innen nach schneller und bequemer Lebensmittelversorgung sowie Klimarisiken – zusätzlich gepaart mit Technologiesprüngen und Künstlicher Intelligenz. Diese Trends verändern grundlegend, wie Lebensmittel angebaut, hergestellt und verkauft werden: von alternativen Proteinquellen über nachhaltige Verpackungen bis hin zu KI-basierten Einkaufsassistenten. Bemerkenswert ist, dass etwa 90% des Wachstums allein durch strukturelle Verschiebungen ausgelöst wird, etwa die Substitution knapper Rohstoffe durch aufbereite Abfallprodukte oder die Verwendung alternativer statt konventioneller Proteine.
Gesundheitsboom als Wachstumstreiber
Das erwartete globale Marktpotential für 2035 entsteht laut Studie in allen Teilen der Wertschöpfungskette. Im Bereich Lebensmittelanbau liegt es bei 400 Mrd. US-Dollar, in der Lebensmittelproduktion bei 680 Mrd. US-Dollar und im Konsumumfeld bei 2.060 Mrd. US-Dollar. Zugleich zeichnen sich innerhalb dieser Bereiche besonders zukunftsträchtige Segmente ab. In der Landwirtschaft boomen zum Beispiel Gewächshäuser, die wetterunabhängige Ernten ermöglichen. Ihr globales Marktvolumen dürfte sich bis 2035 auf etwa 220 Mrd. US-Dollar verdoppeln. Ein anderer Gewinner ist die Präzisionslandwirtschaft, die Betriebe widerstandsfähiger und kosteneffizienter macht. In der Herstellung dominieren nachhaltige Verpackungen. Ihr Marktvolumen erhöht sich auf 430 Mrd. US-Dollar, nicht zuletzt aufgrund strenger EU-Vorgaben. Das mit Abstand größte Umsatzpotential prognostiziert die Studie im Konsumumfeld. Dort könnte allein im Segment Gesundheit und Ernährung der Umsatz von heute 490 Mrd. auf 800 Mrd. US-Dollar im Jahr 2035 steigen. Getrieben wird diese Entwicklung auch durch den rasanten Aufstieg der GLP-1-Medikamente, die schon heute Portionsgrößen, Sättigungsgefühl und Lebensmittelpräferenzen verändern.
„Die Lebensmittelbranche ordnet sich fundamental neu. Technologiesprünge, Klimarisiken und veränderte Essgewohnheiten stellen vertraute Geschäftsmodelle infrage, während gleichzeitig völlig neue Wertschöpfungsfelder entstehen. Für immer mehr Menschen sind Nahrungsmittel heute nicht mehr nur Mittel zum Sattwerden oder Genuss, stattdessen geht es um Gesundheit, Fitness und Personalisierung“, sagt Harald Dutzler, Studienautor und Partner bei Strategy& Österreich. „Verbraucher:innen schneiden ihre Ernährung mit Wearables, digitalen Gesundheitschecks und KI‑Analysen auf individuelle Ziele zu. Das treibt etwa die Nachfrage nach proteinreichen und funktionalen Lebensmitteln, wodurch im globalen Food-Ökosystem neue Wachstumsfelder entstehen. So wird etwa aus Molke, einst einem Abfallprodukt, eine hochgefragte Ware mit größerem Wert als der Käse oder Joghurt, aus dem sie stammt.“
Auf die Landwirte kommt es an
Trotz des prognostizierten Wachstums wird das Food‑Ökosystem laut Studie auch in Zukunft durch enorme strukturelle Ungleichheiten geprägt sein. So entwickelt sich ein Großteil der Wachstumsdynamik am Ende der Wertschöpfungskette, also im Handel und Verkauf, während Landwirt:innen und Produzenten die größten Klimarisiken und Kostenbelastungen tragen – und zugleich maßgeblich das Tempo der Transformation bestimmen. Weltweit bauen etwa 608 Millionen Landwirt:innen Lebensmittel an, 84% von ihnen auf Flächen von weniger als zwei Hektar. Für viele dieser Kleinbetriebe sind Investitionen in Präzisionslandwirtschaft, Digitalisierung oder regenerative Methoden ein großes finanzielles Wagnis. Ob sie diesen Schritt gehen, entscheidet darüber, wie schnell sich das Ernährungssystem transformieren kann. Ohne stabile wirtschaftliche Rahmenbedingungen und gezielte Unterstützung dieser Akteure an der Basis des Systems könnten viele neue Technologien und somit auch Wachstumschancen Theorie bleiben.
„In einem Food‑Ökosystem, das sich grundlegend neu sortiert, benötigen Unternehmen eine klare Strategie, die sich am Prinzip ‚Choose, Connect, Capture‘ orientiert. ,Choose‘ bedeutet dabei, Wachstumsfelder zu identifizieren, die ebenso zur eigenen Positionierung wie den aktuellen Trends passen und die für Wettbewerber schwer zu imitieren sind. ,Connect‘ und ,Capture‘ skizzieren anschließend die bestmögliche Umsetzung dieser Wahl“, sagt Harald Dutzler. „Kaum ein Akteur wird den fundamentalen Wandel des Systems allein bewältigen können. Umso wichtiger werden tragfähige Partnerschaften zwischen Landwirt:innen, Technologieanbietern, Verpackungsherstellern, Gesundheitsdienstleistern, Logistik, Handel und politischen Akteur:innen. Nur wenn Fähigkeiten gebündelt, Risiken geteilt und Innovationen gemeinsam entwickelt werden, können Lösungen am Ende skalieren. Wer jetzt entschlossen handelt, wird nicht nur das eigene Wachstum sichern, sondern später eine umso zentralere Rolle im globalen Food‑Ökosystem spielen.“
Die vollständigen Ergebnisse der Studie „Future of Food 2.0“ erhalten Sie auf Anfrage oder unter: https://www.strategyand.pwc.com/de/en/industries/consumer-markets/future-of-food.html